Wie man schnell mal zum Seelsorger wird

Sylvia C. telefoniert gerade. Ihr Kopf verschwindet dabei fast hinter der Infotheke. Tagesgeschäft beim Energiesparservice der Caritas im Infoladen in der Allerheiligenstraße in Frankfurt: Eine Kundin möchte einen Termin für einen Stromspar-Check vereinbaren. Sylvia nimmt die Daten auf: Wohnungsgröße, Personenzahl, monatliche Abschlagszahlung … Als sie nach der Art von Transferleistung fragt, mit der die Anruferin ihren Lebensunterhalt bestreitet, fängt die Frau am anderen Ende der Leitung unvermittelt an zu weinen. Es sei ihr so peinlich, dass sie „Hartz IV“ bezieht, also Arbeitslosengeld II. Sie wolle anderen Leuten doch nicht auf der Tasche liegen. Sylvia beruhigt die Kundin und spricht ihr Mut zu. Aber schon nach wenigen Sekunden fließen wieder Tränen. Schluchzend erzählt die Frau, wie sie in die Arbeitslosigkeit geraten ist. Eine Lage, die sie nie gewollt habe. Nach fast 20 Minuten geduldigem Zuhören und Trösten sind alle nötigen Haushaltsdaten für den Stromspar-Check erfasst. Sylvia legt den Hörer auf und atmet tief durch. „Solche Anrufe“, sagt sie, „haben wir hier häufig. Das nimmt einen ganz schön mit.“ Eigentlich sei sie oft mehr Seelsorgerin als Energiesparberaterin.

Sylvia C. (44) ist die „Telefonzentrale“ beim Cariteam-Energiesparservice und seit ein paar Monaten auch die „Empfangsdame“ im neuen Infoladen hinter der Konstablerwache in Frankfurt. Hier geht es um kostenlose Energiesparberatung für einkommensschwache Haushalte. Aber wenn man Sylvia zuhört, wird einem schnell klar, dass es um weit mehr geht. Jeden Tag rufen Menschen an, die ihr und ihren Kollegen das Herz ausschütten, meist ungewollt, überwältigt von ihren Gefühlen. Schwierig sei es dann, sagt Sylvia, wenn man nicht weiterhelfen könne. Vor kurzem hatte sie wieder so einen Fall: Eine Kundin hatte ihr von zu hohen Stromkosten erzählt – über 200 Euro monatlich und das für einen Zweipersonenhaushalt! In der Wohnung gab es keine Heizung. Also heizte die Frau mit einem elektrischen Radiator nur noch ein Zimmer, das sie sich mit ihrem erwachsenen Sohn zum Schlafen teilen musste. Die Kundin hatte alles versucht, um die Kosten zu senken. Sie hatte sich an Vermieter und den Mieterschutzbund gewandt. Nichts half. Nun ist sie mit der Miete zwei Monate im Rückstand. „Viele Arbeitslose kämpfen mit zu hohen Stromkosten, und die sind oft nur ein kleiner Posten von vielen anderen, noch heftigeren Problemen“, sagt Sylvia.

Ein sinnvoller Job

Vor knapp zwei Jahren war sie selbst arbeitslos. Damals hat sie das Jobcenter zum Cariteam-Energiesparservice geschickt. Sie hatte große gesundheitliche Probleme. Nach einer Knieoperation und wegen Arthrose konnte sie schlecht laufen. Zuerst dachte sie noch: „Wieder so ’ne blöde  Maßnahme.“ Aber schnell habe  sie gemerkt, dass der Telefondienst hier eine anspruchsvolle  Beschäftigung sei. Das Thema Energiesparen habe sie interessiert. Wegen ihrer Krankheiten konnte sie nicht als Beraterin in die Haushalte geschickt werden. Aber sie fand den passenden Platz am Kundentelefon. Dort koordiniert sie die Termine der 18 Energiesparberater. Zurzeit leistet der Cariteam-Energiesparservice mehr als 85 Beratungen im Monat. „Hier hat man Verständnis für meine gesundheitlichen Einschränkungen und keiner meckert, wenn ich wieder zum Arzt muss,“ sagt Sylvia. Sie denkt mit und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Kekse als „Nervennahrung“ stehen an ihrem Arbeitsplatz  parat, wo  sich jeder bedienen darf. Aber die Kollegen kommen nicht nur deswegen zu ihr in den Laden. Es gibt viel zu erzählen, Erlebnisse beim letzten Hausbesuch, die verarbeitet werden müssen: Wohnungen in verwahrlostem Zustand, extrem schwierige, aggressive Kunden. Auch mit persönlichen Problemen wie Streit in der Beziehung, Alkoholismus, Schwierigkeiten mit dem Arbeitsberater oder Schulden werden die Berater in den Haushalten konfrontiert.

Immer wieder gibt es aber auch Erfolge, die stolz machen: Haushalte, in denen man richtig viel Geld einsparen konnte, oder Kunden, die sich für ihren neuen Kühlschrank bedanken, den sie durch das Kühlschrankprogramm der Stadt Frankfurt günstig bekommen konnten.

Der „Job“ hat ihr wirklich gutgetan. Im vergangenen Jahr war sie noch als „AGH“ (Arbeitsgelegenheit) beim Cariteam-Energiesparservice beschäftigt. Nun geht es für sie im echten Arbeitsmarkt weiter: Seit Januar absolviert sie eine geförderte Ausbildung zur Speditionskauffrau.


Titelseite des Magazins (Foto: gedimmte Glühbirnen)

Autorin: Kirsten Röber
Projektkoordinatorin beim Stromspar-Check, Frankfurt am Main
E-Mail: kirsten.roeber@atcaritas-frankfurt.de

Dieser Text erschien ursprünglich im Magazin "neue caritas" Ausgabe 02-2016 (Schwerpunkt "Energie sparen – für alle machbar?"). Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Caritasverbandes.

10 Jahre Stromspar-Check – alles zum Jubiläum!

Vor zehn Jahren startete das Projekt Stromspar-Check in knapp 60 Standorten, mittlerweile gibt es den Stromspar-Check in mehr als 150 Städten und Landkreisen. Wer wie wo unser 10-Jähriges feiert, das sehen Sie hier.